Die Schrift «I. Die alttestamentl. Wurzel.» umfasst 27 Seiten, und ist somit etwas länger als ein durchschnittlicher Text Hans Grafs. In einem ersten Teil bis und mit Seite sechs bespricht Graf die Bedrohung des Christentums durch den «Feind aus dem Norden» und Völkern wie den Skythen[1]. Weiter bespricht er den Antichrist, beziehungsweise antichristliche Strömungen im Alten Testament. Graf konstatiert, dass der Gedanke des Antichristen im Alten Testament noch nicht voll entwickelt und das Wort «Antichrist» auch noch nicht vorhanden ist. Dennoch betont Graf, dass in diesem Zusammenhang Verbindungen ins Neue Testament beständen.[3]
Im nächsten Teil werden die Darstellungen des Antichristen im Neuen Testament besprochen. Graf macht dabei einen Unterschied zwischen «Pseudochrist» und «Antichrist». Ersterer behauptet, er sei Christus und versucht so aus dem Glauben an Christus für sich Kapital zu schlagen. Er strebt keine Zerstörung des Christentums an. Letzterer leugnet Gott und Jesus und hat die Schädigung beziehungsweise die Zerstörung des Christentums im Sinn. Er wird zum direkten Gegenspieler von Jesus und Gott. Weitere wichtige Merkmal des Antichristen und Antichristentums sind die Unmoral und die Vergötterung des Menschen und des Staates.[4] Graf zufolge erwartet die «christliche Gemeinde» das Auftauchen des Antichristen in den letzten Stunden. Für Graf wird der
«Kampf gegen Christus von drei Seiten […] geführt: vom Judentum, von Rom und aus ihrer eigenen Mitte.»
Der Missbrauch der Erkenntnis, um einen persönlichen Vorteil zu erlangen, erachtet Graf als Sünde und steht als solche in einem gänzlichen Gegensatz zu Christus und dem Werk Gottes.[5]
In einem dritten Teil ab Seite 16 verwebt Hans Graf immer wieder Beispiele aus der Kirchengeschichte und der weltlichen Geschichte. [6] Auf Seite 24 nennt Hans Graf besonders explizit den Nationalsozialismus mit seinem Führerkult als Beispiel für die oben genannte Vergötterung weltlicher Herrscher. Hans Graf hat dies wie folgt formuliert:
«Unsere Zeit hat nun erlebt, was antichristlicher Staat ist, totalitärer Staat, in dreifacher Auflage: Bolschewismus-Faschismus, Nationalsozial. Das Buch Daniel und die Apokalypse sind dadurch sehr lebendig geworden. Auch der Kampf gegen die Heiligen des Höchsten fehlte nicht, es fehlte nicht das Zeichen des Antichrists, […]. Vor allem aber fehlte nicht die religiöse Verherrlichung, die Verehrung des Tieres. […] Wenn aber gar Hitler in Nürnberg seine Leute zu Hunderttausenden versammelte, und dann alle auf ein gegebenes Zeichen ihr nicht endenwollendes Sieg-Heil brüllten, so erinnerte das wirklich schlagend an die Verehrung des Bildes, das Nebukadnezar[7] in Babel hatte aufstellen lassen, wo auch auf ein Signal hin alles was im Staat von Bedeutung war, sich zur Anbetung auf den Boden war.»[8]
Am Nationalsozialismus und am Bolschewismus kritisiert Graf, dass christliche Werte ignoriert und übergangen würden. Die christliche Nächstenliebe zähle nichts und der Schwache gehe unter. Besonders schlimm findet er daran, dass dies «in Völkern, die wir als christliche bezeichneten» geschah.[9] Noch dekadenter als die Vergötterung von Herrschern, findet Graf die Verehrung von Personen aus der Populärkultur.[10] Als «die erste grosse antichristl. Macht» bezeichnet Hans Graf den Islam. Er begründet diese Aussage damit, dass dieser für Europa, aufgrund seiner aggressiven Haltung gegenüber der westlichen Kultur und dem christlichen Glauben, seit annähernd tausend Jahren eine drohende Gefahr sei. Die Aggressivität ergründet er im geringeren Alter des Islams und in seinem Wesen, in welchem der Gegensatz zum Christentum läge. Der Islam sei
«grundsätzlich intolerant und kämpferisch eingestellt gegenüber der christl. Kirche.»
Graf befürchtet, dass der Islam sich mit dem russischen Bolschewismus verbünden könnte und gemeinsam eine antichristliche Macht gründen könnten.
Graf kritisiert aber auch die katholische Kirche, indem er der Beobachtung zustimmt, dass das Papsttum in weiten Teilen der neutestamentlichen Darstellung des Antichristen entspricht. [11]
Die Epoche der Renaissance hat für Graf antichristliche Züge. Der Mensch beginnt sich von der christlichen Moral zu emanzipieren und mehr seinen Leidenschaften zu folgen. Dies hat Unmoral zur Folge und ist somit antichristlich. Besonders kritisch sieht Hans Graf die Literatur dieser Epoche, in welcher Ehebruch, Ehescheidung und Selbstmord dargestellt werden, ohne dass moralische Bedenken erhoben würden. Noch kritischer als die Literatur der Renaissance sieht Graf aber den Film. Im Film würde die Moral noch weiter untergraben werden. [12] Ebenfalls als antichristlich betrachtet er die Französische Revolution, in welcher Gott abgesetzt wurde und «durch die Göttin Vernunft» ersetzt wurde.[13]
Graf schliesst seinen Text mit der nochmaligen Betonung, dass der Bolschewismus und der Islam am entschlossensten den Kampf gegen das Christentum geführt hatten und der Warnung, dass man wachsam sein müsse und man sich nicht sicher sein könne in Zukunft, selbst in christlichen Ländern, eine Mehrheit zu finden, die sich entschlossen für das Christentum einsetzen würde.[14]
Hans Graf vertritt in diesem Vortrag im Allgemeinen stark christlich konservative Werte. Die Begründung, weshalb der Islam eine Gefahr für das Christentum darstelle, betrachte ich aus heutiger Sicht als nicht korrekt. Er nutzt mit der Aussage, dass die Aggressivität des Islams in dessen Natur liege, einen Gedankenstrang der im Rassismus sehr stark ausgeprägt ist. Die Weise, wie Graf die totalitären Staaten als Beispiel für antichristliche Strömungen aufbringt, ist ein starkes Indiz auf eine tiefe Ablehnung für solche Systeme.
Aufgrund der Erwähnung des «auf die Länge auch unvermeidbaren Rückzug der Holländer aus Indonesien»[15] auf Seite 18 und der Rückseite des letzten Blattes, auf welcher das Semester 1944/45 vermerkt ist, kann der Text in die Zeit zwischen 1945 und 1949 eingeordnet werden. Er entstand also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Thematisierung des Antichristen, als Teil der Endzeit, ist klar auf die zu der Zeit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Umstände in Europa zurückzuführen. Sie ist Teil der Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg.
[1] Die Skythen waren ein nomadisches Reitervolk, welches vom 7. Jh. v. Chr. bis ins 3. Jh. v. Chr. in der heutigen Ukraine und dem heutigen südlichen Russland beheimatet war. Die Skythen waren erfolgreich Kämpfer und griffen vor allem im 7. Jh. v. Chr. wiederholt Gebiete in Westasien an; Wikipedia: Scythians
[3] Hans Graf: I. Die alttestamentl. Wurzel., Seiten 1 bis 6
[4] Hans Graf: I. Die alttestamentl. Wurzel., Seiten 10 und 11
[5] Hans Graf: I. Die alttestamentl. Wurzel., Seiten 13 und 15
[6] Hans Graf: I. Die alttestamentl. Wurzel., Seiten 16 bis 27
[7] Nebukadnezar war von 605 bis 562 v. Chr. König des Neubabylonischen Reiches; Wikipedia: Nabū-kudurrī-uṣur II.
[8] Hans Graf, I. Die alttestamentl. Wurzel., Seiten 23 und 24
[9] Hans Graf, I. Die alttestamentl. Wurzel., Seite 22
[10] Hans Graf, I. Die alttestamentl. Wurzel., Seite 24
[11] Hans Graf, I. Die alttestamentl. Wurzel., Seiten 18 bis 20
[12] Hans Graf, I. Die alttestamentl. Wurzel., Seiten 21 und 22
[13] Hans Graf, I. Die alttestamentl. Wurzel., Seite 25
[14] Hans Graf, I. Die alttestamentl. Wurzel., Seite 27
[15] Indonesien war bis 1949 unter dem Namen Niederländisch-Indien, beziehungsweise bis 1945 als indonesische Nationalisten die Unabhängigkeit der Republik Indonesien ausriefen, eine Niederländische Kolonie. Als Folge der Ausrufung der Republik kam es zu einem Unabhängigkeitskrieg, der bis 1949 dauerte und Indonesien gewinnen konnte; Wikipedia: Indonesischer Unabhängigkeitskrieg