Unsere Pfingstpredigt

Hans Graf bespricht in diesem Vortrag, was die Pfingstpredigt ist, was sie sein sollte und wo ihre Schwierigkeiten und Probleme liegen. Den ersten Problempunkt von Pfingsten sieht er bei der fortschreitenden Säkularisierung. Diese äussere sich darin, dass bei gutem Wetter die Leute lieber in die Natur, als in die Kirche gingen. Pfingsten sei davon besonders stark betroffen, weil es zu Pfingsten kaum volkstümliche Bräuche gebe.

In Bezug auf das Neue Testament, stellt Graf klar, dass dort nur an wenigen Stellen konkret vom Heiligen Geist gesprochen werde, er aber «eine so unmittelbar gewisse Sache» sei, dass es keinen Grund gebe, darauf weiter einzugehen. Hans Graf wirft die Frage auf, ob es wirklich notwendig sei, eine spezielle Pfingstpredigt zu halten, oder ob nicht jede Predigt über das christliche Leben und Christus, den Heiligen Geist als Grundlage habe und somit keine spezielle Pfingstpredigt erfordere. Er fügt an, dass das Gleiche auch auf Ostern zutreffe.

«Unausgesprochen geht jede christliche Predigt von Ostern aus».[1]

Ohne die Auferstehung Christus, seien alle Predigten leere Worte. Für Graf ist der Unterschied zwischen dem heiligen Geist und dem «Menschengeist», dass Ersterer nicht Teil unseres Wesens ist. Er erklärt dies mit der Gegenüberstellung von Fleisch und Geist von Paulus[2]. Diese lasse laut Hans Graf keine Zweifel zu, dass der Menschengeist zum Fleisch gezählt werden könne. Wenn in den Zeitungen an den Geist erinnert werde, um ein Geschäft, zum Beispiel Waffengeschäfte, oder eine Politik zu kritisieren, sei damit immer der Menschengeist gemeint. Hans Graf sieht im Humanismus den Gegensatz zum Evangelium und zu Luther. Der Humanismus sei ein Versuch der Selbsterlösung. Er erkennt, dass «Humanität» und Evangelium sich stark gleichen können, fordert aber auf, diese klar zu trennen. Denn der Heilige Geist sei das Werk «des völlig transzendenten[3] Gottes».[4] Für Hans Graf ist es wichtig, dass sowohl die Leute in der Pfingstpredigt berücksichtigt würden, die noch nicht vom Heiligen Geist erfasst seien, als auch die, die bereits unter dessen Einfluss ständen. Als Prediger müsse man sich damit befassen, was man in welcher Personengruppe bezwecken wolle. Als grösste Gefahr für das Wirken des Heiligen Geistes, sieht Graf die Selbstgenügsamkeit. Diese gelte es zu bekämpfen.[5] Dies könne erreicht werden, wenn man diesen Personen den Spiegel vorhalte und sie auf ihre «Kraftlosigkeit» und wahre Gestalt hinweise.

Ein Kritikpunkt Grafs am Menschengeist ist, dass aus diesem viel gut Gemeintes entspringe, aber nur wenig von Erfolg gekrönt sei. Er beschreibt dies wie folgt:

«Es geht um die Erfahrung, dass wir gerade da, wo wir es gut meinen, oft am jämmerlichsten versagen. […] Auch Völker stranden an ihren Aufgaben. Wir werden nicht […] mit Schadenfreude darauf hinweisen, wie Weltwirtschaftskonferenz, Abrüstungskonferenz, Völkerbund versagt haben, es ist auch unser Menschengeist, der da Bankrott geht, viel anfängt und gewiss auch aus guten Beweggründen, aber er ist nicht dazu im Stande.»[6]

Das Ziel einer Pfingstpredigt solle sein, den Raum zu schaffen, in welchen der Heilige Geist einziehen könne. Es gehe nicht darum, eine festliche Stimmung zu verbreiten, sondern das Ziel sei, den Menschen aus der Kraftlosigkeit und Leere ihres Daseins herauszuhelfen und sie so weit zu bringen, dass sie die Botschaft des Heiligen Geistes aufnehmen können.

Eine weitere Gefahr einer Pfingstpredigt sieht Graf darin, dass sie sehr schnell deskriptiv werde und versuche den Leuten den Heiligen Geist «anzubeweisen». Dadurch erweitere man zwar das Wissen der Zuhörer, doch es werde sich keine Wirkung entfalten können. Die Pfingstpredigt solle ein Angebot an alle sein und von der Gegenwart handeln.[7] Weiter führt er aus, dass der Heilige Geist im Neuen Testament ein «Pfand» oder «Angeld» sei, welches den Gläubigen gegeben wurde. Dieser Besitz löse das Verlangen nach völliger Erlösung aus und verheisse die Erfüllung. Doch trotz dieses «Geisteswirken» verändere sich die Natur nicht und die Hoffnung bleibe unerfüllt. Pfingsten werde oft als Geburtstag der Kirche bezeichnet. Für Hans Graf gehe man aber an der Hauptsache vorbei, wenn man an Pfingsten über die Kirche als Institution predigte. Für Ihn ist die Hauptsache, was aus dem Heiligen Geist heraus gesagt wird. Er wünscht sich, dass sein Vortrag eine Diskussion anstösst.[8]

Hans Graf stellt zu Beginn die Grundsatzfrage, ob eine spezielle Pfingstpredigt überhaupt notwendig ist. Mit dieser Frage wird er sicherlich nicht nur auf Zuspruch gestossen sein. Für ihn war die Trennung von weltlichem, Menschengeist und dem Heiligen Geist zentral. Er behandelte somit die fortschreitende Säkularisierung und deren Gefahren. Beiden genannten Geistern gewinnt er Gutes ab. Jedoch hebt er, auch mit im Jahr 1934 aktuellen Beispielen, die Grenzen des Menschengeistes hervor. Einen Fokus auf die Kirche lehnt er ab, was seine protestantische Position unterstreicht. Für ihn ist wichtiger, was in der Bibel steht und daraus interpretiert wird, als die Kirche als Institution. Graf betrachtet seine Zuhörer einer Predigt sehr differenziert und erkennt, dass er nicht allen das Gleiche vermitteln kann. Er will die Zuhörer zum Denken bringen und nicht nur einfach ihr Wissen über die Bibel erweitern.


[1] Hans Graf: Unsere Pfingstpredigt, Seite 2

[2] «Paulus gebraucht den Begriff «Fleisch» im übertragenen Sinn. Er bringt damit zum Ausdruck, dass der Mensch sein Denken, Wollen und Handeln nicht nach Gott ausrichtet, sondern nach seinem eigenen menschlichen, irdischen Willen […]. Der Begriff «Fleisch» ist hier negativ gemeint. […] Sein «Fleisch» bestimmt wie eine fremde Macht sein ganzes Wesen und führt ihn in den Tod […]. Im Gegensatz dazu steht der Geist. Durch ihn ergreift Gott in Jesus Christus den Menschen und rettet ihn. Er bewegt ihn zum Handeln […] und führt ihn zum ewigen Leben.»; Deutsche Bibelgesellschaft, Fleisch

[3] Duden, Transzendenz: Überschreitung der Grenzen von Erfahrung und Bewusstsein, des Diesseits

[4] Hans Graf: Unsere Pfingstpredigt, Seite 4

[5] Hans Graf: Unsere Pfingstpredigt, Seiten 4 und 5

[6] Hans Graf: Unsere Pfingstpredigt, Seiten 5 und 6

[7] Hans Graf: Unsere Pfingstpredigt, Seiten 6 bis 9

[8] Hans Graf: Unsere Pfingstpredigt, Seiten 9 bis 12