Das handgeschriebene Skript «Eschatologie», welches in seiner gesamten Länge 31 Seiten umfasst, stammt ungefähr von 1920. Es ist somit einiges älter als die übrigen Texte. Weil ich die Schrift selbst nicht lesen konnte und nur die ersten zehn Seiten transkribieren liess, behandle ich in der folgenden Analyse nur diese zehn Seiten.

Hans Graf stellt fest, dass die Populärliteratur in den Jahren vor dem Verfassen dieses Textes stark anwuchs, und auch Sekten, wie die Ernsten Bibelforscher grossen Zulauf hatten. Er schliesst daraus, dass für viele Leute die Gedanken an die letzten Dinge wichtiger wurden. Graf sieht dadurch die Theologen gezwungen sich mehr mit der Eschatologie zu beschäftigen. Ebenfalls sollten die Universitäten mehr Vorlesungen diesem Thema widmen. Jedoch wollten das nicht alle Wissenschaftler, denn einige sähen in der Eschatologie Mythen und glaubten nicht daran, dass man über die Eschatologie wissenschaftliche Aussagen machen könne. Laut Graf habe die kantsche Philosophie, welche auf der Vernunft und dem eigenen Denken beruht, ihr, sowie der Metaphysik, den wissenschaftlichen Boden entzogen und sie auf diese Weise delegitimiert.
«Ohne metaphysische Aussagen lässt sich eine Eschatologie nicht aufbauen.»[3]
Hans Graf sieht die Gefahr, dass dadurch die Hoffnung, als wichtiger Teil des christlichen Glaubens, vernachlässigt werde und in die Hände von Sekten gegeben werde, wenn sich die wissenschaftliche Theologie vom unmittelbaren Leben entferne. Er ist der Meinung, dass evangelische Pfarrer dies nicht tun dürften und eine feste Lehre zur Eschatologie bilden müssten. Hans Graf merkt an, dass in der Eschatologie bekannte Wege, um Erkenntnisse zu sammeln, versagten, und nur spekulatives Denken möglich sei.[4] Dies, weil man sich lediglich auf die Propheten des Neuen Testamentes berufen könne. Das führe wiederum dazu, dass die Eschatologie nur von innerhalb der Christlichen Gemeinde fassbar sei. Graf erachtet die Eschatologie als wichtiger Teil des Werks Christus. Ohne sie wäre dieses unvollständig. Dem Vorwurf, dass die neutestamentliche Eschatologie gar nicht eigenständig ist, weil sie lediglich die Eschatologien anderer Religionen aufnimmt und adaptiert, stellt Hans Graf entgegen, dass die christliche Eschatologie nicht entwertet werden könne, nur weil sie in einer «Traditionskette» steh. Er fragt, ob man darin nicht ein Wirken Gottes sehen könne,
«der nicht die reifen Äpfel vom Himmel schüttet, sondern aus dem Samen zuerst die Pflanze, dann die Blüte und zuletzt die Frucht reifen lässt».[5]
Das grössere Problem der christlichen Eschatologie sieht Graf darin, dass sie von vielen nicht mehr ernst genommen werde. Für Hans Graf ist aber klar, dass die Eschatologie nicht spiritualistisch ist, also nicht auf der Präsenz des Heiligen Geistes im Menschen basiert. Denn
«das Letzte ist nicht ein allgemeiner Seelenbrei, […], sondern ein neuer Himmel u. eine neue Erde, u. diese beiden Ausdrücke nenn nicht einen Zustand, sondern einen Ort.»[6]
Hans Graf ist der Auffassung, dass die Theologie in diesem Punkt von Platon[7] belastet sei. Aufgrund dessen Theorie über die Unsterblichkeit der Seele, dass nur die Seele, nicht aber der Körper, nach dem Tod weiterlebt, wendete sich die christliche Theologie ab, von der leiblichen Auferstehung und hin zur Unsterblichkeit der Seele. Deshalb bete man heute für dafür, dass die Seelen in den Himmel kommen, und nicht, dass Gottes Reich zu uns komme. Graf ruft dazu auf, sich diesem Widerspruch zwischen der griechischen, spiritualistischen und der biblischen, neutestamentlichen Weltanschauung bewusst zu sein.[8] Für Platon bedeute der Tod die Erlösung der Seele, womit der Tod geleugnet werde, was das Neue Testament nicht tue. Weiter betont Graf, dass in der Bibel Gott, der Schöpfer des Menschen, der «aus Seele im Leib» bestehe, dargestellt werde. Ausserdem werde die Auferstehung ausdrücklich genannt (Röm 8,11, 1.Kor. 15).[9] Dennoch gehe Paulus nicht von einem «organischen Zusammenhang» zwischen dem Leib des Diesseits und des Jenseits aus.[10]
Der Kritik, dass die Schriften des Neuen Testaments zur Eschatologie nicht zusammenhängend seien, entgegnet Hans Graf, dass in den grundlegenden Elementen eine Übereinstimmung vorhanden sei.[11] Wenn man davon ausgehe, dass der Auferstehungsgedanke der Bibel entspringe, fielen eine Vielzahl an Einwänden weg.[12] Dennoch habe die Eschatologie einige Anforderungen zu erfüllen:
«1.) Die Eschatologie muss universal sein. Alle Bindungen an Nationen od. Rassen, auch jede sektiererische Einengung ist abzulehnen. […]
3.) Keine Eschatologie, die nicht Christus in den Mittelpunkt stellt.»
Hans Graf wählt als Ausgangspunkt des Skripts nicht eine wissenschaftliche theologische Theorie, sondern, mit der Popularität des Endzeitlichen nach dem Ersten Weltkrieg, einen gesellschaftlichen Ansatz. Auf diese Weise will er den gesellschaftlichen Bedürfnissen Rechnung tragen und den Fokus der Theologen weg von rein wissenschaftlichen und theoretischen Fragestellungen hin zu alltäglicheren und praktischeren Fragen der Eschatologie lenken. Die Angst, dass Sekten die Leute aufgrund ihrer Lehre über die letzten Dinge für sich gewinnen könnten, wenn die Kirche diese vernachlässige, zeigt, dass Hans Graf sich den gesellschaftlichen Mechanismen bewusst war. Deshalb ruft er seine Berufsgenossen dazu auf, sich mehr mit der Eschatologie zu beschäftigen. Die Kritik an der Seelenunsterblichkeit, sowie am Zerpflücken der Eschatologie, aufgrund von kleineren Widersprüchen, unterstreicht seine evangelisch-reformierte Position.
[3] Hans Graf: Eschatologie, Seite 1
[4] Hans Graf: Eschatologie, Seiten 1 und 2
[5] Hans Graf: Eschatologie, Seite 3
[6] Hans Graf, Eschatologie, Seite 4
[7] «Für den antiken griechischen Philosophen Platon ist die Seele unsterblich. Er ging sogar davon aus, dass es eine Seelenwanderung und Wiedergeburt gibt. Seine Philosophie beeinflusste das gesamte christliche Denken vom Mittelalter bis zur Neuzeit.»; Deutschlandfunk: Und diese wirklichere Wirklichkeit ist die Welt der Ideen
[8] Hans Graf: Eschatologie, Seite 5
[9] Hans Graf: Eschatologie, Seite 8
[10] Hans Graf: Eschatologie, Seite 9
[11] Hans Graf: Eschatologie, Seite 6
[12] Hans Graf: Eschatologie, Seite 10
[13] Hans Graf: Eschatologie, Seite 6