In diesem fünfzehnseitigen Text beschreibt Graf anhand von vier Hauptpunkten, was das Priestertum ist, was es ausmacht und wie er die Aufgaben eines evangelischen Pfarrers sieht. Im ersten Teil rollt Hans Graf die Geschichte des Priestertums im Alten Testament auf. Dort sei es[1] «von Anfang an Hüter der Tradition».[2] Es sorge für die Kontinuität des religiösen Lebens. Die Rolle der Priester in Israel hebt er besonders hervor, weil die Priester dort stärker als an anderen Orten zu Beratern und Lehrer geworden seien. Die Priester erteilten Weisungen, worauf der Fokus der Gottesdienste sein sollte. Diese Weisungen rückten die rationale Beurteilung in den Vordergrund, während die Darbringung von Opfern vermehrt in den Hintergrund rückte. Ambivalent betrachtet Graf die Verbindung von König- und Priestertum in Jerusalem. Diese verlieh dem Priestertum zwar Glanz, aber auch politische Macht, welche zur Säkularisierung beitrug. Während und nach dem babylonischen Exil des jüdischen Volkes (ab 597 v. Chr. bis 539 v. Chr.[3]) trat die Pflege der Tora durch Schriftgelehrte in den Vordergrund. Dies führte dazu, dass nun auch Priester Anweisungen erhielten.[4]
Im zweiten Teil führt Graf die religiöse Struktur des Priestertums aus. Darin stellt er fest, dass Priester nicht durch eine besondere Begabung legitimiert würden, sondern dass sie dies aufgrund der Bewahrung der Traditionen seien. Graf hebt wiederum das israelitische Priestertum hervor, welches die absolute Souveränität Gottes über sein Volk betonte. Ebenfalls verwendete das israelitische Priestertum geschichtliche Darstellungen, vermutlich von Paulus, um die eigenen Aussagen zu unterstreichen. Ein weiteres Mittel, um die Wichtigkeit einer Sache oder Person zu unterstreichen, war, zum Beispiel bei Darstellungen des Tempelbaus von Jerusalem[5], das Hervorheben mit Gold. Graf zieht hierzu eine Parallele zur Kunst der Romantik, welche bedeutungsvolle Ereignisse übergross darstellt. Weiter führt Hans Graf den Unterschied zwischen Propheten und Priestern aus. Propheten behandelten vor allem den Kampf zwischen dem Gottesreich und dem Weltreich, während die Priester ihren Fokus auf der Herrschaft Gottes über die Welt hätten. Graf sieht im Nebeneinander von Priestern und Propheten den Reichtum der alttestamentlichen Religion.[6]
Das dritte Kapitel behandelt das Nichtvorhandensein eines Priestertums im Neuen Testament. Denn Jesus habe keine «priesterliche Bilder» für seine Jünger verwendet. Der Hebräerbrief aus dem Neuen Testament ziehe einen Schlussstrich unter das Priestertum des Alten Testaments. Im neuen Testament bestehe das «allgemeine Priestertum», welches sich aus allen Gläubigen zusammensetze.[7]
Im vierten, und längsten Kapitel, macht Hans Graf einen Sprung in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und vergleicht das evangelische Pfarramt mit dem alttestamentlichen Priestertum. Für ihn schliesst das allgemeine Priestertum ein spezielles nicht aus. Dennoch erachtet er es als notwendig, dass keine Hierarchisierung stattfindet und jeder in direkter Beziehung zu Gott steht. Graf sieht in der pfarramtlichen Aufgabe der Erhaltung der Kontinuität des religiösen Lebens eine wichtige Parallele zum Priestertum. Graf unterscheidet zwischen dynamischen, schöpferischen Zeiten und statischen, bewahrenden Zeiten. Erstere ordnet er den Propheten zu und letztere den Priestern und auch sich selbst als evangelischer Pfarrer. Eine Wertung der Rollen gegeneinander lehnt Graf ab. Martin Luther wird als Figur verwendet, die sowohl dynamisch als auch statisch, bewahrend ist. Erstere Funktion nimmt er als Reformator wahr. Die zweite Rolle schreibt Graf ihm in Bezug auf das Lutherbild von Cranach zu. Darin werde Luther so breit und «gegründet» dargestellt, dass sich die ganze «lutherische Kirche» vor dem Nationalsozialismus hinter ihm verbergen könnte.[8] Kritik übt er an der Geschäftigkeit der Pfarrer. Durch die vielen Aufgaben wie Predigt, Taufe, Religionsunterricht und weiteren Aufgaben kämen das eigene Gebet und das innere Leben, also die Arbeit an sich, zu kurz. Er erachtet diese äussere Betriebsamkeit als Folge einer inneren Verarmung. Für viele Pfarrer sei die Bedeutung der Arbeit wichtig, doch wenn man die eigene Arbeit als zu wenig bedeutend ansehe, ergänze man zuerst durch «Volksbildungs-Arbeit» und dann durch Sozialarbeit, um eine befriedigendere Arbeit zu finden. Dadurch wende man den Willen der Welt zu und nicht mehr Gott. Graf sieht darin die Gefahr, dass es dann nicht mehr um Gott gehe, sondern um die eigene Stellung.[9]

Für ihn ist wichtig, dass sich Prediger nicht durch die Zuhörerschaft treiben und zu Aussagen hinreissen lassen. Dadurch leide die Erfüllung des Auftrages des Priestersdienstes, welcher nicht darin liege den Menschen zu gefallen, sondern darin, dass man ein Diener Gottes sei. Wenn dies vergessen werde, laufe man als Pfarrer Gefahr nur noch ein Schauspieler zu sein.
Hans Graf empfindet es als priesterliche Pflicht, nicht nur das Abendmahl für die Gemeinde zu geben, sondern auch für diese als Gesamtheit und auch deren Einzelpersonen zu beten. Ebenfalls findet er es wichtig, dass die Arbeit an sich selbst nicht zu kurz kommt. Ausserdem erachtet er es als kritisch, wenn Kirchen durch moderne Architektur nicht direkt als solche erkannt werden können. Dies verstärke die Säkularisierung. Weiter erachtet er es als nachteilig für die Arbeit als Pfarrer, wenn man sich zu sehr unter die Bevölkerung mische und zum Beispiel zum Jass ins Wirtshaus gehe. Dies sei ein säkularer Lebensstil. Noch schlimmer als dieser säkulare Lebensstil ist für ihn, wenn das Pfarrhaus nicht mehr allen offen stehe. An der theologischen Ausbildung kritisiert er, dass die praktische Theologie und insbesondere persönliche Fragen, zu kurz kämen. Er beurteilt eine rein akademische Pfarrerausbildung als zum Scheitern verurteilt. Denn dadurch fehle das Wissen, was die Kirche in der Praxis eigentlich ist.[10]
Die Motivation, um diesen Vortrag zu halten, fand Graf aufgrund der Lektüre des Buches «Theologie des Alten Testaments» [11] von Walther Eichrodt.[12] Der Text zeichnet ein forderndes Bild von Hans Graf. Er sieht das Pfarramt als einen Dienst an Gott, der einen besonderen Lebensstil mit viel Dienst an sich selbst erfordert. In diesem Punkt widerspricht seine Aussage, dem Lebensstil, den er selbst pflegte. Hans Graf hatte viele Aufgaben inne und war vermutlich sehr beschäftigt. Es ist aber auch möglich, diese Aussage Hans Grafs als Hilferuf zu interpretieren, um nicht noch mehr Ämter und Aufgaben übernehmen zu müssen. Er überinterpretierte seine Arbeit nicht und sah sich selbst in der Rolle des Bewahrers und nicht in der des Propheten, der Veränderungen herbeiführt. Sein Ziel war es nicht, den Menschen immer zu gefallen, sondern seinen Auftrag als Pfarrer zu erfüllen. Hierzu muss er sich, wenn er seinen Aussagen treu blieb, aus dem säkularen Leben zurückgezogen haben. Typisch für Graf ist, dass er ein Thema bei der Wurzel anpackt und eine Ausgangspunkt im Alten Testament wählt. Der Vortrag ist undatiert, ich gehe aber davon aus, dass er ihn zwischen 1933 und 1945 hielt. Diese Annahme treffe ich aufgrund der Erwähnung des Nationalsozialismus. Die Aktualitäten der Zeit kommen durch die Kritik an der fortschreitenden Säkularisierung und der Erwähnung des Nationalsozialismus zum Ausdruck. Sie nehmen aber keine zentrale Rolle im Vortrag ein. Die Rolle der Pfarrer beschreibt er mehrheitlich anhand des Alten Testamentes und weniger anhand zeitgenössischer Bespielen.
[1] Hans Graf: Priestertum, Seiten 1 und 2
[2] Hans Graf: Priestertum, Seite 2
[3] Wikipedia: Babylonisches Exil
[4] Hans Graf: Priestertum, Seiten 2 und 3
[5] Hier handelt es sich um den Tempelbau des Ersten Jerusalemer Tempels, auch als Salomonischer Tempel bekannt. Dieser war Hauptheiligtum des Königreichs Juda. Er wurde im Anschluss and die Eroberung Jerusalems 587/586 v. Chr. durch die Babylonier zerstört; Wikipedia: Jerusalemer Tempel
[6] Hans Graf: Priestertum, Seiten 3 bis 7
[7] Hans Graf: Priestertum, Seiten 7 und 8
[8] Hans Graf: Priestertum, Seiten 8 und 9.
[1] Hans Graf: Priestertum, Seiten 9 bis 11.
[9] Hans Graf: Priestertum, Seiten 9 bis 11
[10] Hans Graf: Priestertum, Seiten 12 bis 15
[11] «Theologie des Alten Testaments» ist Walther Eichrodts, der ein bedeutender Theologe und Alttestamentler der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war, wichtigstes Werk; Wikipedia: Walther Eichrodt
[12] Hans Graf: Priestertum, Seite 1